Endlich blieb er stehen und erlaubte sich einen langen, tiefen Atemzug. Wasser glitzerte schwach zwischen den Bäumen hindurch. Der Fluss! Richard watete, beladen mit Frau und Rucksack, in den kleinen Fluss hinein, bis ihm das Wasser an die Hüften reichte. Gut waren die Bücher vor Feuchtigkeit geschützt. Was man von der Frau nicht behaupten konnte. Perfekt getarnt wartete sein Patrouillenschlauchboot auf ihn und seine Beute. Erst ließ er den Bücherrucksack, dann die Frau in das Boot gleiten und löste im Dunklen den Festmacher. Die Frau und der Rucksack füllten das Boot vollständig aus und ließen keinen Platz für ihn. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als das Boot schwimmend durch die schwache Strömung vorwärtszuschieben. Langsam dämmerte es am nächtlichen Himmel zwischen den Baumwipfeln hindurch. „So oft die Sonne aufersteht, erneuert sich mein Hoffen, und bleibet, bis sie untergeht, wie eine Blume offen“, murmelte er vor sich hin, um sich bei Mut und Laune zu halten.
Nachdem er die sorgfältig ausgewählte Strecke zurückgelegt hatte, glitt er ans Ufer, kroch wie eine schlüpfrige Amphibie die flache Böschung hinauf, das Ankerseil des Schlauchbootes fest in seiner rechten Hand. Atemlos legte er sich auf dem Rücken. Die Kälte des Wassers kroch in seine Glieder. Er stöhnte laut. Sein Atem wurde ruhiger, also richtete er sich auf und zog das Boot vollends an Land. Er massierte seine unterkühlten Arme und zog den Rucksack mit dem kostbaren Diebesgut und die Frau aus dem Boot. Die erste Morgenröte begrüßte ihn. Er erhob sich und betrachtete seine Beute. Ihm war klar, dass er unmöglich seine Sachen, das Boot, die Bücher und die Frau mitnehmen konnte. Für einen Augenblick blieb er unschlüssig stehen. Warum war immer alles so kompliziert? Mensch geht vor! Schließlich packte er die Frau auf die Schulter und richtete sich auf.
„Fuck!“, erklang es in diesem Moment und die menschliche Last auf seiner schmerzenden Schulter regte sich. „Verdammt, lass mich runter, alter Mann!“
Die rüpelhafte Art genügte Richard, sie wie eine nasse Flunder ins Ufergras fallen zu lassen. Ein Schwall von Schimpfworten folgte als Reaktion darauf. Für einen Moment musste Richard grinsen. Sie schien also unbeschädigt. „Ich entschuldige mich für die Unpässlichkeit.“
Die junge Frau schüttelte ihre nasse schwarze Mähne aus, entledigte sich ihres Rucksacks und zog die abgewetzte nass gewordene Lederjacke aus. Überrumpelt starrte Richard für einen Moment auf ihre deutlich sichtbar gewordenen Körperkonturen, drehte sich dann aber pietätvoll ab.
„Noch nie eine Frau gesehen?“, fragte sie und grinste.
„So feucht eher selten. Entschuldigen Sie. Ich wollte Sie nicht in Verlegenheit bringen.“ Er zog seine alte Kampfjacke aus, schlüpfte aus dem nassen T-Shirt und drückte mit einer kraftvollen Drehung das Wasser aus.
„Muss ich jetzt auch weggucken?“, witzelte sie und inspizierte ihn kurz. Sie hob beeindruckt eine Augenbraue. „Ich habe zwar nicht viele Leute in deinem Alter gesehen, aber du scheinst mir noch sehr rüstig auszusehen.“
„Wie Sie meinen.“
Sie lachte laut und schallend. „Unpässlichkeit, nicht in Verlegenheit bringen, wie Sie meinen. Wo kommst du denn her?“ Tiefe Lachgrübchen erschienen auf ihren Wangen. „Ich glaube, du bist vertrauter mit Bären und Füchsen aus dem letzten Jahrhundert als mit Frauen von heute. Hilfst du mir?“ Sie zog ihr nasses Shirt aus und streckte ihm ein loses Ende hin. Gemeinsam wrangen sie das Wasser aus.
„Sie sind ein HuPod“, sagte Richard nach einem prüfenden Blick.
„Sieht man das?“ Überrascht zog sie die Augenbrauen hoch.
„In meinem Alter schon.“
„Dann wird es wohl so sein.“ Nicky zog das nasse T-Shirt wieder an. Ein leiser Kälteschauer überzog sie dabei. „Du bist offensichtlich keiner“, überspielte sie die Situation.
Rasch streifte sich nun auch Richard das feuchte Kleidungsstück über. „Ein wärmendes Feuer wäre jetzt großartig, aber unter den gegebenen Umständen sollten wir nicht allzu lange hierbleiben. Man wird irgendwann auch diesen Teil des Terrains absuchen.“
Seine letzten Worte schien sie nicht mehr gehört zu haben. Stattdessen hatte sie hektisch ihren eigenen Rucksack aufgerissen und kontrollierte seinen Inhalt. Was wohl eher schwierig schien, wie Richard vermutete. Denn so weit er es sehen konnte, quoll aus dem Behältnis nur Chaos hervor. Neben einer einfachen, aber zweckmäßigen Überlebensausrüstung, befanden sich auch eine absurde Menge an Angelschnüren, ein Mantel wie von einem Obdachlosen und ein oranges Kleid, das überhaupt nicht zum Rest passte, im Rucksack. Auch sah er ungewöhnlich viele Wasch- und Toilettenartikel, die man normalerweise nie auf eine längere Tour mitnehmen würde.
Richard lächelte seine Verwunderung weg. „Ich sollte mich vorstellen. Sprung. Richard Thot Sprung.“ Obwohl er sonst nie seinen Decknamen verwendete, sprach er ihn diesmal aus. Ein Vertrauensvorschuss für diese Situation schien ihm aus einem inneren Drängen heraus richtig, obwohl es an sich leichtsinnig war. „Und Sie?“
„Nicky. Nenn mich einfach Nicky. Und lass das Sie bleiben, ja? Es macht dich hundert Jahre älter. Aber Tot passt. Seltsamer Name.“
„Also gut, Nicky, freut mich. Richard.“ Sie gaben sich die Hände. „Thot mit H, übrigens. Ich lebe noch.“ Er grinste. „Sehr angenehm.“ Richard dachte kurz nach. Er wollte ein wenig ihr Vertrauen gewinnen, weshalb er hinzufügte: „Zu meinem Status möchte ich allerdings noch eine kleine Korrektur anbringen. Ganz freiwillig lebe ich in diesem Zustand nicht. Aber ich nutze ihn und opfere dafür ein gemütliches Leben, um wichtige Dinge zu bewahren.“ Dabei sah er auf seinen Rucksack, den er ins Gras gelegt hatte.
„Bücher“, flüsterte Nicky mit weit aufgerissenen Augen und offenem Mund.
„Richtig! Bücher. Und was hat dich in die Fänge von Bonas getrieben?“
Nicky grinste verlegen. „Hunger.“
Richard griff in seine Kampfjacke, zog einen Armee-Notriegel hervor und drückte ihn ihr in die Hand.
„Ist das Nan?“, fragte sie mit zusammengekniffenen Augen.
„Nein. Armeeration 57.“
Nicky wirkte erleichtert. Während sie gierig die Verpackung aufriss, legte er die in Plastik verschweißten Pakete fein säuberlich nebeneinander ins Gras und nickte grimmig. Sie hatten alles unbeschadet überstanden.