„Es ist völlig sinnlos, was du da tust!“, keuchte die Fonías, die unter den Schlägen von Nicky zusammengebrochen war und blutend am Boden lag.
„Du hast Vater verraten, obwohl er dir alles gegeben hat, was ein gutes Leben ausmacht“, flüsterte Nicky. Die junge Frau mit der wilden schwarzen Haarmähne kniete sich neben ihr Opfer nieder und blickte es in einer Mischung aus Trauer und Wut an. „Warum hast du das getan? Wir hätten Freundinnen bleiben und gemeinsam diesem Schrecken ein Ende setzen können.“
„Du bist eine Verräterin und verdienst den Tod! Du wirst deinem Schicksal niemals entrinnen. Entweder du tötest mich oder ich töte dich. Fonías – aus Pflicht!“
„Fonías – aus Pflicht!“ Nicky zog ihren Dolch hervor und stach zu. Dann riss sie den kleinen metallenen Behälter von der Halskette der Toten ab. Die winzigen Resilicum-Pillen im Innern des goldglänzenden Zylinders verschwanden in der geballten Faust der Siegerin.
„Fonías – aus Pflicht“, murmelte Nicky. Die Erinnerungen an jenen Tag waren so präsent, als wäre es eben erst passiert. Nicky seufzte, lehnte sich mit dem Rücken an eine Hauswand, atmete durch. Sie schaute sich um. Diese Stille! Nicht die der nächtlichen Ruinenstadt. Die Stille in ihr. Die war viel zu intensiv. Langsam schlich sie weiter. Ihr fehlten ihre Freunde, ihre Brüder und Schwestern, die durch das NetSet immer in Kontakt mit ihr gewesen waren. Besonders NF-687. Robin. Nicht alle hätten so reagiert. Er bestimmt nicht! Ohne NetSet konnte sie ihren Vater auch nicht um Rat bitten. Ein spontaner Gedanke aus Gewohnheit, den sie aber sofort verwarf, weil die Erinnerung an den Vater einen kurzen Schauer über ihren Rücken jagte und ihren Zorn unter ihrem Brustbein noch stärker aufglühen ließ. Er war ein Lügner! Eine obsessive, kontrollversessene Spinne in der Mitte eines riesigen Netzes. Aber deren Fäden waren es gewesen, die Nicky mit allen verbunden hatten. Trotz dieser schmerzlichen Erkenntnis vermisste sie die Leitung und das Gewusel über Social Media. Ohne all dies schien die Luft um sie herum immer noch leerer zu sein, als sie es ohnehin schon war. Einen Weg zurück gab es nicht.
Sie versuchte sich zu erinnern. Ein halbes Jahr war seit ihrer ungeplanten Flucht verstrichen. Vor einem halben Jahr hatte sie den Kontakt zu ihren Geschwistern verloren. Doch sie war fest entschlossen, dies zu ändern. Früher oder später. Und deshalb war sie auch hier, in den Ruinen dieser Stadt. Sie suchte nach Antworten. Wie alle Städte, die sie kannte, war auch diese hier ein Opfer der Katastrophen geworden, die über die alte Welt hereingebrochen waren. Aber das war lange vor ihrer Zeit gewesen.
Nicky schlich sich an den Überresten von Mauern entlang, nutzte die Dunkelheit der Nacht und lauschte in die Stille hinein. Vor ihrem inneren Auge liefen all die Dinge noch einmal ab, die sie an diesen Ort gebracht hatten. In der letzten Siedlung hatte sie eine große Menge ihrer Nahrungsmittel an einen halbverhungerten Boten abgegeben. Auf ihr Erkunden hin hatte er ihr vom Technomant berichtet. Dass dieser Tyrann über Dinge verfügte, die ihr helfen würden, ließ sie hoffen. Der Bote hatte allerdings nicht gewusst, wo dieser Technomant zu finden war. Nur, dass er sich als Hierarch betitelte.
Zu guter Letzt hatte der dankbare Bote gesagt: „Da gibt es dieses Orakel. Am besten gehst du dort hin. Das Orakel gibt in erster Linie Auskünfte über die Vergangenheit, aber es heißt, wenn man ihm die richtigen Fragen stellt, würde es noch über viele andere Dinge Auskunft erteilen. Frag es, wo das Sparda-Tal liegt. Ich weiß, dass sich der Hierarch Marjan an einem Ort mit diesem Namen aufhält. Eine Auskunft darüber zu erhalten, könnte aber umständlich werden.“
„Wieso?“, hatte Nicky gefragt, ohne darüber nachzudenken, dass ihre Vorräte und Zahlmittel bis dorthin knapp werden könnten.
„Wie gesagt, das Orakel vergisst zwar nicht, aber eine Antwort über die Vergangenheit hinaus könnte sehr kostspielig werden.“
Die letzten Worte in den Wind schlagend, hatte sich Nicky danach sofort auf den Weg gemacht. Die wahre Geschichte interessierte sie brennend. Zumindest die Teile davon, die von ihrem Vater offensichtlich bearbeitet worden waren.
Der Anblick einer Reihe von errichteten Pfählen, riss sie aus den Erinnerungen zurück in die Gegenwart. Die Pfähle verhießen nichts Gutes und ließen sie die bedrohliche Anwesenheit des Raider-Stammes spüren. Die Sternwölfe, die hier mit dem Pantheon ihr Geld verdienten, ließen mit den Pfählen sehr deutlich ausrichten, dass man hier ohne Bezahlung nicht durchkam.
Die aufgespießten Leichen und die darunter angebrachten Schilder ließen keine Zweifel aufkommen:
Hatte kein Geld oder wollte betrügen. So soll der Platz auf dem Pfahl mir genügen!